Ländervergleich

Schulverpflegungssituation in anderen europäischen Ländern

Foto: Fotolia - Tanja Bakusat"Im europäischen Ausland ist die Ganztagsschule fast in allen Ländern die Regel. Deshalb ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass hier die Verpflegung längst zum Schulalltag gehört. ... Die Verpflegung selbst wird praktisch überall von Catering Unternehmen gestellt, dabei gibt es in einigen Ländern wie Dänemark. Irland, Slowakei, der Schweiz und den Niederlanden das Grundprinzip, die Schülerinnen und Schüler bei der Herstellung der Speisen zu beteiligen. Eine Mitarbeit der Eltern ist im übrigen Europa nicht vorgesehen." s. Schulverpflegung in Deutschland - und bei Deutschlands Nachbarn, Prof. Ulrike Arens-Azevedo:

  • England / Schottland - Qualitätsoffensive seit 2006, neue Qualitätsstandards
  • Frankreich - Ernährungsphysiologie, Hygiene aber auch 'plaisir' sind wichtig
  • Österreich / Schweiz - wenig Inititative, Ausnahme Stadt Wien
  • Schweden / Finnland - Essen für alle Kinder kostenlos wichtiges Element von Schule
  • Portugal / Spanien - jede Schule hat eine Gesundheitsassistentin, hohe Qualitätsanforderungen

 

Schulverpflegungssituation in nicht europäischen Ländern

  • Indien - als sog. Dritte-Welt-Land - schafft es Millionen Schulkindern täglich ein kostenfreies Mittagessen zukommen zu lassen! Der logistische Aufwand ist eine große Herausforderung, s. 'Indien, das grösste Schulessen der Welt', arte-360°-Geo-Reportage, 1.4.14
  • Kann Deutschland von Japan lernen? Prof. Dr. Peinelt beschreibt detailliert das hochwertige Schulverpflegungsystem in Japan sowie die Gründe, warum es nicht 1 zu 1 auf Deutschland übertragbar ist. Dabei stellt er der Schulverpflegung in Deutschland in der Breite schonungslos ein Armutszeugnis aus und kritisiert die Handlungsunfähigkeit und den -unwillen der PolitikerInnen. Er beschreibt teilweise groteske Situationen bei etlichen Steuerarten, der Bildungspolitik und kritisiert die mangelnde Professionalisierung in vielen Aktionsfeldern, die mit der Gemeinschaftsverpflegung, im speziellen der Schulverpflegung zu tun haben.
    Eine Pflichtlektüre für alle, die sich mit dem Thema Schulverpflegung beschäftigen. » Volltext auf volker-peinelt.de (pdf)

    • Prof. Dr. Peinelt zu Japangut ausgebildetes Fachpersonal, ein Oekotrophologe für die Küche, ein Ernährungslehrer im Lehrerkollegium pro Schule
    • adäquate Küchenausstattung an jeder japanischen Schule, es wird i.d.R. vor Ort gekocht unter Verwendung regionaler Produkte
    • es gibt Lehrküchen für den Ernährungsunterricht
    • Eltern zahlen die Lebensmittelkosten, der Staat die Differenz zu den Vollkosten
    • ein Essen für alle Schüler einer Schule, Essen ist Unterricht von Klasse 1-9
    • Qualitätsstandards und Verarbeitungsregeln sind verpflichtend und werden eingehalten
    • weitgehender Verzicht auf Convenience-Produkte
    • alle SchülerInnen nehmen am Essen teil, das zeitgleich in allen Klassen stattfindet, es gibt keine separaten Räume.
    • Transport, Ausgabe und Reinigung werden von SchülerInnen erledigt
    • hoher gesellschaftlicher Stellenwert der Schulverpflegung, der Esskultur und des Gesundheitsapektes
  • Magere Kost für Amerikas Kinder, nzz.ch 2012
  • Uno-Bericht zum Schulessen weltweit: Oft billig und ungesund, Spiegel 24.5.2013, s. State of School Feeding Worldwide 2013, wfp.org

Und schließlich ...

  • food trucks - Eine interessante Foto-Doku über die 'Unterwegs-Verpflegung' in den USA, cafe-future.net

Schulverpflegung in Deutschland

Exkurs Ex-DDR: Von 1975 bis 1989 bekamen 100% der Kindergartenkinder und 85 % aller SchülerInnen täglich ein ernährungsphysiologisch vollwertiges warmes Essen sowie Schulmilch. 75 % der Aufwendungen für Lebensmittel und Lohn wurde von den Kommunen subventioniert, sodass die Teilnehmer nur zwischen 0,50 und 0,75 DDR-Mark pro warmer Mahlzeit zahlen mussten. (s. wikipedia: Schulspeisung in Ostdeutschland)

Wie ist die aktuelle Situation in Deutschland zu beurteilen?

  • Über Qualität und Umfang der Schulverpflegung liegen keine Daten vor, berichtete Frau Dr. Bölts (DGE) beim Experten-Hearing im Bundestag (30.11.11). Allerdings gibt es alarmiernde Zahlen über den Anstieg von Übergewicht und Adipositas bei Jugendlichen (s. Kinder- und Jugendgesundheitssurveys des Robert-Koch-Instituts und Eskimo-Studie) sowie über Fehlernährung generell. Auch viele Erwachsene essen anders als sie sich ernähren sollten, sind also den Kindern kein positives Vorbild.
  • Foto: fotolia.de - fotomek Die existierenden Qualitätskriterien für die Schulverpflegung sind weder verbindlich noch werden sie i.d.R. kontrolliert. Entsprechend spielt in der Praxis bestenfalls das Thema Hygiene eine Rolle. Stichproben ergaben in 90% Mängel (Peinelt, 2012). Im Angebot der Schulverpflegung sind weit verbreitet: Süßigkeiten, Chips, süße Getränke, fleischbetonte (Zwischen-)mahlzeiten (wie Frikadellen- oder Schnitzelbrötchen), fettlastige Snacks wie Würstchen, Kartoffelsalat oder Schokoladenbrötchen, aber auch Absuditäten wie Yum-Yum-Tüten (unzubereitet). Wo die Lebensmittel herkommen und ob sie beim Verzehr noch ausreichend Nährstoffe enthalten, interessiert selten.
    Dieses Angebot passt nicht zum dem der Schule obliegenden Bildungs- und Erziehungsauftrag, es konterkariert jegliche akademische Auseinandersetzung mit Themen in Fächern wie Ernährungswissenschaft, Ökologie, Sozialwissenschaften, aber auch Ethik. Vlg. auch Eine glatte Fünf, wdr 13.1.12
  • Oft stehen die Kosten der Schulverpflegung in der Diskussion, auch wenn SchülerInnen/Familien alternativ für FastFood in der Regel relativ hohe Preise zahlen. Die häufig zu zahlende 19%ige Mehrwertsteuer macht das Schulessen zudem teurer als es wünschenswert wäre.
  • Natürlich gibt es an einigen Schulen gute zukunftsweisende Modelle und Ansätze in der Schulverpflegung. Meist haben diese Schulen ein Gesamtkonzept 'Gesunde Schule' konzipiert und versuchen dieses umzusetzen. Der politische Wille, die Schulverpflegung in Deutschland flächendeckend auf ein qualitativ akzeptables Niveau zu bringen, ist allerdings nur sehr gering ausgeprägt. Hier schlagen u.a. Gleichgültigkeit sowie die übliche 'Verantwortungsverflechtungsfalle' zu.