Misere Schulverpflegung

Das große Ziel der Bildung ist nicht Wissen, sondern Handeln.
(H. Spencer, engl. Philosoph & Soziologe)

Wie gute Schulverpflegung aussieht und funktioniert, ist an sich bekannt und wird auch an einigen wenigen Schulen in Deutschland hervorragend umgesetzt, insbesondere dort, wo alle Beteiligten an einem Strang ziehen und gutes Essen einen hohen Stellenwert hat, s. Best Practice; Gewinnerschulen 'cleveres Esszimmer, IGS Ahlen.

Die Misere aber ist, dass es an zu vielen Schulen noch immer keine oder keine gute Schulverpflegung gibt. Vielfach findet man eine Art Kiosk, oft Warmverpflegung mit langen Warmhaltezeiten, manchmal sogar mehr oder weniger FastFood, ungünstige Ausgabeszenarien mit langen Wartezeiten, wenig ansprechendes Ambiente und/oder Vorbestellungspflicht, die das Schulessen unattraktiv und unflexibel machen. Mittagessen mangelhaft, 5/2012 Spiegel und 'Wie gut ist das Schulessen in Gymnasien in NRW? Mangelhaft, Prof. Peinelt 2013. Aufgewärmt, billig, fad, Quarks&Co WDR 2013, WDR 2014

'Das gesamte Angebot ist so schlecht, dass es vom Schüler ungern oder nicht angenommen wird und dass es letztendlich auch den Zweck, den es erreichen soll, nämlich Vollwertigkeit und Erhalt der Leistungsfähigkeit, nicht erfüllt.' Prof. Peinelt 2012

Eine bundesweite Erhebung zur Qualität von Schulessen dokumentiert die aktuellen Probleme in Sachen Schulverpflegung, HAW Hamburg, Nov 2014. Obwohl dringend eine gute Schulverpflegung benötigt wird, sind die derzeitigen Angebote vielerorts von sehr geringem Nutzen - für SuS, da sie nicht schnell und in guter Atmosphäre zu vernünftigem und einwandfreiem Essen kommen - für berufstätige Eltern, die das Mensaangebot an den Schulen ihrer Kinder als mangelhaft oder unattraktiv erfahren und daher Alternativen organisieren müssen, statt entlastet zu werden.

Da es hinsichtlich der SV keine verpflichtenden Standards und Regelungen gibt, sondern nur Empfehlungen, machen Schulen und Schulträger, was sie für richtig halten. Die Maxime in Deutschland scheint leider zu sein: 'Hauptsache billig'. So findet man doch vielfach in der Praxis und auch in Ausschreibungen die vorgegebene Bewertungsrelation von Qualität zu Preis im Verhältnis 40:60 oder gar 20:80. Dabei wird Qualität oft vor allem mit Geschmack gleich gesetzt.

Geradezu grotesk ist die Mehrwertbesteuerung, die für Schulverpflegung in der Regel 19% beträgt weil sie von einem Caterer betrieben wird, während bei FastFood nur 7% und für Mensaessen im Hochschulbereich 0% MWSt. zu zahlen ist.

Würden die Schulträger (zumeist Kommunen) die Schulverpflegung selbst in die Hand nehmen, müsste auch keine MWSt. gezahlt werden. Gutes Beispiel ist die Stadt Göttingen, s. Bericht in frontal21, 24.02.2015.

 

Fotolia_47042764_XS_KristinGruendler120Unter diesen Voraussetzungen verabschieden sich immer mehr Anbieter von Schulverpflegung (s. z.B. Berlin, Berliner Morgenpost). Die im Markt verbleibenden sehen sich zu Dumping-Löhnen, niedrigen Qualitätsstandards und zum Einsatz von Billig-Produkten gezwungen. So kommt es dann beispielsw. zur Verwendung von Erdbeeren aus China, die im Herbst 2012 unkontrolliert mit Novoviren verseucht ins deutsche Schulessen gelangten.

Erst als mehrere Tausend Schulkinder durch Schulessen krank wurden (Spiegel 2012), wurde die Öffentlichkeit aufmerksam. Was sonst hinsichtlich Hygiene und Qualität an den Schulen läuft, wissen wir gar nicht, weil nicht transparent ist, wie oft und mit welchen Ergebnissen überhaupt geprüft wird. Wenn alles in Ordnung wäre, dann dürfte es ja kein Problem sein, beispielsweise die Lebens­mittel­kontroll-Er­geb­nisse von Schulkantinen zu veröffentlichen, wie die Organisation Foodwatch es explizit fordert und wie es z.B. in Dänemark Standard ist.

  • 'Überprüft wird die Verköstigung nirgends, es gibt keinen TÜV für Schulkantinen.' Spiegel 5/12
  • Manchmal wird die Überprüfung sogar behördlich untersagt, z.B. allgemeine-zeitung.de, 1.12.2012
  • Ernährungswissenschaftler fordern TÜV für Schulkantinen, giessener-allgemeine.de, 7.5.2012
  • Schulessen in NRW: Der Preis steht im Vordergrund, mangelhafte Qualität, welche Rolle spielt die Politik? WDR-markt, 6.5.2013
    Schlechtes Essen verdirbt die Laune, WDR 2013
    Die Schulmensa ist uncool, WDR 2013

Solange der Preis alles ist, liegt die Lösung auch nicht im 'Kochen vor Ort', da kleine Verpfleger noch mehr als die großen Probleme haben, Essen preiswert herzustellen und dabei Qualität und Hygiene zu beachten. S. Prof. Dr. Peinelt 'Das hatte ich längst erwartet', 2.10.2012, Prof. Dr. Peinelt im Deutschlandfunk, 1.12.12, Schulessen = mangelhaft, Prof. Dr. Peinelt, WDR 18.09.2013

Es ist äußerst ärgerlich und ein großes Defizit, dass Schülerinnen und Schüler in Deutschland an den Schulen, in denen sie immer mehr Zeit verbringen, in der Regel so schlecht versorgt werden. Dagegen ist das Qualitätsniveau in den Hochschulmensen und in der Betriebsverpflegung zumeist deutlich höher. Gute Schulverpflegung ist in Deutschland alles andere als selbstverständlich, es fehlt die Verbindlichkeit von Standards, die Klärung des Stellenwertes und eine angemessene Finanzierung.

  • Gutes kann nicht billig sein, Frankf. Rundschau 2012
  • Matschige Möhren in der Mensa, ZEIT 31.5.13
  • Verpflegung oft lästige Pflicht, taz 5.8.2012

In der leidigen Verantwortungs- und Zuständigkeits-Verflechtung im Bereich Schule lässt sich vieles leicht verstecken:

Städtische MitarbeiterInnen bewegen sich oft nur, wenn sie es unbedingt müssen, aber nicht weil ihnen die Gesundheit oder das Bildungsniveau unserer Kinder oder auch ethische Aspekte am Herzen liegen. Nicht selten präsentieren sie sich sogar als kompetent für die SV, sind es aber nicht wirklich. Möglicherweise haben sie das 'Spar-Diktat' bereits derart verinnerlicht, dass die inoffizielle Maßgabe ist: Je weniger Kinder in der Schule essen, desto mehr Subventionen können gespart werden?

Fotolia_4657546_XS_keznon150SchulleiterInnen trauern häufig noch der Halbtagsschule nach und fühlen sich für die Schulverpflegung nicht zuständig, da sie Ihren Job nur auf die 'kognitive Bildung' verengen und den Zusammenhang zwischen Gesundheit und Lernfähigkeit ausblenden. Die Einflussnahme von Eltern hinsichtlich der Schulverpflegung gestaltet sich eher schwierig und ist selten erwünscht.

Auch für die Schulbehörden gehört die Schulverpflegung nicht zu den Kernthemen und wurde an die völlig unterbesetzten Vernetzungsstellen Schulverpflegung 'outgesourct', die letztlich nur punktuell etwas bewirken können. Gut beraten? gv-kompakt

  • Während Deutschland auf der einen Seite gerne ein führendes Land in Sachen Bildung sein möchte, präsentiert es sich auf der anderen Seite in der Praxis mit einem derart armseligen Schulverpflegungs-Angebot. Das passt überhaupt nicht zusammen!
  • Summa sumarum sollte sich niemand wundern:
    Was wir heute unseren Kindern anbieten, bekommen wir morgen selbst vorgesetzt, wenn wir uns im Alter nicht mehr versorgen können!
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