Ländervergleich

Schulverpflegung in Deutschland

Exkurs Ex-DDR: Von 1975 bis 1989 bekamen 100% der Kindergartenkinder und 85 % aller SchülerInnen täglich ein ernährungsphysiologisch vollwertiges warmes Essen sowie Schulmilch. 75 % der Aufwendungen für Lebensmittel und Lohn wurde von den Kommunen subventioniert, sodass die Teilnehmer nur zwischen 0,50 und 0,75 DDR-Mark pro warmer Mahlzeit zahlen mussten. (s. wikipedia: Schulspeisung in Ostdeutschland)

Wie ist die aktuelle Situation in Deutschland zu beurteilen?

  • Über Qualität und Umfang der Schulverpflegung liegen keine Daten vor, berichtete Frau Dr. Bölts (DGE) beim Experten-Hearing im Bundestag (30.11.11). Allerdings gibt es alarmiernde Zahlen über den Anstieg von Übergewicht und Adipositas bei Jugendlichen (s. Kinder- und Jugendgesundheitssurveys des Robert-Koch-Instituts und Eskimo-Studie) sowie über Fehlernährung generell. Auch viele Erwachsene essen anders als sie sich ernähren sollten, sind also den Kindern kein positives Vorbild.
  • Die existierenden Qualitätskriterien für die Schulverpflegung sind weder verbindlich noch werden sie i.d.R. kontrolliert. Entsprechend spielt in der Praxis bestenfalls das Thema Hygiene eine Rolle. Stichproben ergaben in 90% Mängel (Peinelt, 2012). Im Angebot der Schulverpflegung sind weit verbreitet: Süßigkeiten, Chips, süße Getränke, fleischbetonte (Zwischen-)mahlzeiten (wie Frikadellen- oder Schnitzelbrötchen), fettlastige Snacks wie Würstchen, Kartoffelsalat oder Schokoladenbrötchen, aber auch Absuditäten wie Yum-Yum-Tüten (unzubereitet). Wo die Lebensmittel herkommen und ob sie beim Verzehr noch ausreichend Nährstoffe enthalten, interessiert selten.
    Dieses Angebot passt nicht zum dem der Schule obliegenden Bildungs- und Erziehungsauftrag, es konterkariert jegliche akademische Auseinandersetzung mit Themen in Fächern wie Ernährungswissenschaft, Ökologie, Sozialwissenschaften, aber auch Ethik. Vlg. auch Eine glatte Fünf, wdr 13.1.12
  • Foto: fotolia.de - fotomek Oft stehen die Kosten der Schulverpflegung in der Diskussion, auch wenn SchülerInnen/Familien alternativ für FastFood in der Regel relativ hohe Preise zahlen. Die häufig zu zahlende 19%ige Mehrwertsteuer macht das Schulessen zudem teurer als es wünschenswert wäre.
  • Natürlich gibt es an einigen Schulen gute zukunftsweisende Modelle und Ansätze in der Schulverpflegung. Meist haben diese Schulen ein Gesamtkonzept 'Gesunde Schule' konzipiert und versuchen dieses umzusetzen. Der politische Wille, die Schulverpflegung in Deutschland flächendeckend auf ein qualitativ akzeptables Niveau zu bringen, ist allerdings nur sehr gering ausgeprägt. Hier schlagen u.a. Gleichgültigkeit sowie die übliche 'Verantwortungsverflechtungsfalle' zu.

Schulverpflegungssituation in anderen europäischen Ländern

Foto: Fotolia - Tanja Bakusat"Im europäischen Ausland ist die Ganztagsschule fast in allen Ländern die Regel. Deshalb ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass hier die Verpflegung längst zum Schulalltag gehört. ... Die Verpflegung selbst wird praktisch überall von Catering Unternehmen gestellt, dabei gibt es in einigen Ländern wie Dänemark. Irland, Slowakei, der Schweiz und den Niederlanden das Grundprinzip, die Schülerinnen und Schüler bei der Herstellung der Speisen zu beteiligen. Eine Mitarbeit der Eltern ist im übrigen Europa nicht vorgesehen." s. Schulverpflegung in Deutschland - und bei Deutschlands Nachbarn, Prof. Ulrike Arens-Azevedo:
  - England / Schottland - Qualitätsoffensive seit 2006, neue Qualitätsstandards
  - Frankreich - Ernährungsphysiologie, Hygiene aber auch 'plaisir' sind wichtig
  - Österreich / Schweiz - wenig Inititative, Ausnahme Stadt Wien
  - Schweden / Finnland - Essen für alle Kinder kostenlos wichtiges Element v.Schule
  - Portugal / Spanien - jede Schule hat eine Gesundheitsassistentin, hohe Qualitätsanforderungen

Schulverpflegungssituation in nicht europäischen Ländern

  • Indien - sog. Dritte-Welt-Land - schafft es Millionen Schulkindern täglich ein kostenfreies Mittagessen zukommen zu lassen! Der logistische Aufwand ist eine große Herausforderung, s. 'Indien, das grösste Schulessen der Welt', arte-360°-Geo-Reportage, 1.4.14
  • Schulverpflegung in Japan - Vorbild für Deutschland oder Sonderweg?  Prof. Dr. Peinelt, 2011
    Bestnoten für Japan, Langfassung 'Sind Japans Kinder fitter?' Prof. Dr. Peinelt, ag-schulverpflegung.de
    Schulverpflegung in Japan,  Teil 1, Teil 2, Ernährungsumschau 2008 Es geht auch anders - ein Blick nach Japan zeigt, dass 'Selbst machen' in der Schulverpflegung durchaus möglich ist. Allerdings unter Rahmenbedingungen, die in hierzulande nicht gegeben (teils auch nicht kopierbar) sind (Prof. Dr. Peinelt: VortragBericht):
    Prof. Dr. Peinelt zu Japangut ausgebildetes Fachpersonal und adäquate Küchenausstattung an jeder japanischen Schule
    • die Kosten betragen ca. 10 € pro Essen (Vollkosten),
      wg. hohe staatl. Subventionierung zahlen Eltern weniger als in Deutschland
    • im ganzen Land gibt es an einem Tag dasselbe Essen
    • Qualitätsstandards und Verarbeitungsregeln sind verpflichtend vorgegeben
    • weitgehender Verzicht auf Convenience-Produkte
    • alle SchülerInnen nehmen am Essen teil, das im übrigen in der Klasse stattfindet (keine separaten Räume)
    • hoher gesellschaftlicher Stellenwert der Schulverpflegung, der Esskultur und des Gesundheitsapektes

    Schulmensa in Japan - Modell auch für Deutschland?, Prof. Peinelt 2012; Flyer zum Buch; Japan, Bericht in Schulverpflegung 2013

  • Magere Kost für Amerikas Kinder, nzz.ch 2012
  • Uno-Bericht zum Schulessen weltweit: Oft billig und ungesund, Spiegel 24.5.2013, s. State of School Feeding Worldwide 2013, wfp.org

Und schließlich ...

  • food trucks - Eine interessante Foto-Doku über die 'Unterwegs-Verpflegung' in den USA, cafe-future.net